Was ist das, eine freie Gesellschaft?

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Weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert
– Friedrich Schiller

 

 

John Rawls

Der amerikanische Philosoph John Rawls schreibt in seinem Buch A Theory of Justice, dass Gerechtigkeit wichtiger ist als das Richtige und Schöne. Das Buch, publiziert in 1971, machte ihn weltberühmt und sein Ruhm dauert bis heute an. Es beherrscht noch immer die philosophischen und politischen Diskussionen darüber, wie Gerechtigkeit und Freiheit in einer Gesellschaft zueinander stehen sollten. Sogar in den neuesten Rundfragen unter Fachphilosophen aus der ganzen Welt wird A Theory of Justice immer wieder als das bedeutendste einflussreichste philosophische Buch des zwanzigsten Jahrhunderts genannt.

Er bedenkt ein ganz interessantes Gedankenspiel: Stellen sie sich vor, wir befinden uns hinter einem ‚‘Schleier des Nichtwissens‘ und wir bekommen den Auftrag eine ideale Gesellschaft auszudenken. Falls man nicht weiß, welche Position man bekleidet in solch einer Gesellschaft, wie sollte sie dann aussehen?

Bist du Mann oder Frau, reich, arm, schwarz, weiß, heterosexuell oder homosexuell? Das alles ist unbekannt. Und noch wichtiger, all diese Umstände sollten die Chancen und Voraussichten einer Person nicht positiv oder negativ beeinflussen. Rawls sagt: eine Gesellschaft ist gerecht, wenn man sie auf jeder Ebene betreten möchte.

Die zwei Grundprinzipien dieser ‚‘Urausgangsstellung‘, wie Rawls sie nennt, sind für jeden die gleiche Freiheit und Schutz gegen Staatswillkür, so lange diese die Freiheit des anderen nicht einschränkt. Rawls nennt es ‚‘das Gleichheitsprinzip‘‘, und sie ist wichtiger als das zweite Prinzip: Es heißt, Ungleichheit in Einkommen und Reichtum sei erlaubt unter der Bedingung, dass diese Unterschiede zugunsten der ärmsten ausfallen.

In unserer Gesellschaft würde das bedeuten, dass die extravaganten Gehaltserhöhungen der Bankdirektoren ausgeschlossen sind, weil nicht klar ist wie die niedrigen sozialen Schichten davon profitieren. Dieses Beispiel zeigt wie wertvoll die Theorie Rawls ist und es wirkliche interessante Anstöße zu gesellschaftlichen Debatten gibt.

Immanuel Kant

Rawls folgt in großem und ganzem seinem philosophischen Lehrmeister Immanuel Kant, dem ‚‘Vater‘ der Aufklärung. Kant untersucht wie der Mensch zu Erkenntnissen kommt und stellt fest, dass die menschliche Natur ein selbständiges und moralisch richtiges Urteil ermöglicht. Der Mensch sei in der Lage seinen Verstand ohne äußere Lenkung zu benützen, und befreit sich damit von Gott und der Natur im Leben. Rawls ‚‘Schleier des Nichtwissens‘‘ ähnelt der kantischen apriorischen Erkenntnis. Darüber hinaus knüpft Rawls bei einer der einflussreichsten philosophischen Ideen der ganzen Geschichte an: des Sozialvertrags, wie er entwickelt wurde von Jean-Jacques Rousseau und auch Thomas Hobbes.

Das Menschenbild Rawls ist abstrakt und höchst positiv. Wie sehr auch seine respektvollen, rationalen und präzisen Auseinandersetzungen mir in unserer, von überhitzten, peinlichen und unverschämten Debatten, geprägten Zeit gefallen, seine Ideen scheinen mir auch unerreichbar. Und ist die gerechte Gesellschaft von Rawls wirklich was wir uns wünschen? Liegt das Ziel des Lebens vielleicht nicht in der Gerechtigkeit, falls sie sich überhaupt realisieren lässt?

Als überzeugter klassischer Sozialdemokrat möchte ich gerne glauben, dass Chancengleichheit und Freiheit zu vereinigen sind und Rawls‘ Lehre ist ein bewundernswerter Versuch genau das zu ermöglichen. Aber am wichtigsten ist sein Stil und die Respekt, womit er die Standpunkte anderer behandelt. Die gerechte Gesellschaft würden wir meiner Sicht nach niemals erreichen und sollte auch nicht erreicht werden. Aber Rawls‘ Versuch führt dazu, dass wir immer darüber nachdenken was fehlt in der Gesellschaft, wie wir Menschen in Not helfen können.

Mit Hannah Arendt sage ich, dass Pluralismus und Natalität für eine Gesellschaft die entscheidenden Phänomene sind. Jeder Mensch, so argumentiert sie, kann durch eine einzigartige Handlung eine neue wertvolle Entwicklung in Gang setzen. Und ein Menschenbild gibt es nicht, es gibt nur Menschen. Die Handlung an sich ist wichtiger als das Ziel der Handlung. Gesellschaft und Mensch sind keine ‚Projekte‘‘, man kann sie niemals endgültig vollenden oder konstruieren. Die Gesellschaft soll eine offene Debatte organisieren und jedem den Raum gewährleisten seine Handlungen zu zeigen, damit ein Ideenreichtum entsteht. Das ist was Arendt unter einer idealen Gesellschaft versteht.

Hannah Arendt

Wie Hannah Arendt hervorragend in ihren klassischen Werken wie The Human Condition und On The Origins of Totalitarianism gezeigt hat, endet jeder Entwurf in einer Katastrophe. Schauen Sie mal auf das zwanzigste Jahrhundert! Die ‚‘Kinder der Aufklärung‘‘, Sozialismus und Kommunismus, sie haben in ihrer Suche nach Gerechtigkeit und Gleichheit, zu schrecklichen unfassbaren Verbrechen geführt. Die Väter dieser Lehren betrachteten sich selbst als Diener der Vernunft und Wissenschaft.

Friedrich Schiller bewundert die kantische Lehre, aber findet sie auch kalt und abstoßend. Die Freude am Leben fehlt komplett bei Kant, so Schiller. Die bürgerliche Gesellschaft mit ihrer Arbeitsteilung ist dem letzten ein Übel. ‚‘Alles steht unter dem Diktat der Nützlichkeit‘‘, sagt Schiller. Der Mensch kennt das Körperliche und das Sinnliche und sie sind voneinander abhängig, später wird Schiller sprechen über den Stoff- und Formtrieb als wesentlichen Bestandteil des seelischen Lebens der Menschen.

Das Tier im Menschen ist stark und muss gezähmt werden, Schiller weiß das genau, und der politische Kampf sei nötig. Das Böse im Menschen muss beseitigt werden. Anfangs begrüßt Schiller die Französische Revolution, wenn sie aber umschlägt in ein Terrorregime, begreift er, dass politischer Freiheitskampf den Menschen nicht innerlich befreit. Das Scheitern der Französischen Revolution beweist für Schiller, dass Aufklärung und Wissenschaft das Wesen des Menschen nicht ändern, sie schaffen nur eine ‚‘theoretische Kultur‘.

Mit innerlicher Befreiung meint Schiller, dass der Mensch seine Triebe wie Sexualität, Aggression, Konkurrenz und Verfeindung überwindet. Andererseits braucht der Mensch sie. Sie besorgen ihm seine Inspiration, seine Ideen und Phantasie. Wenn die menschlichen Triebe fehlen, verliert der Mensch seine Seele.

Die Gesellschaft muss einen Weg finden äußere und innerliche Freiheit mit einander zu vereinigen. Wie macht man das? Schiller sagt: im Spiel! Der Weg von der Natur zur Kultur führt über das Spiel. Rituale, Tabus und Symbolisierungen, sie haben dem Menschen geholfen die schädlichen Folgen seiner Triebe zu sublimieren und in richtige Kulturerrungenschaften umzugestalten. Zu gleicher Zeit ermöglichen sie Kunst wie Literatur, Musik und Theater, die Träume und Phantasien erlauben und beschreiben, ohne welche der Mensch nicht leben kann.

Und das Spiel schöpft wirkliche gesellschaftliche Freiheit. Der Mensch, ein gefährliches Tier, kann im Spiel mit anderen zusammenleben. Hölderlin, Hegel, Marx, Max Weber, George Simmel und natürlich auch Sigmund Freud sind von diesem klassischen Schiller’schen anthropologischen Gesetz beeinflusst worden und haben es weiter ausgebaut. Die moderne Gesellschaft mit der Arbeitsteilung ist reicher und komplexer, dennoch blockiert sie für den einzelnen Menschen die Entfaltung seiner Kreativität und künstlerischer Kräfte.

Friedrich Nietzsche

Wenn Nietzsche sagt, dass wir das ‚nicht festgestellte‘ Tier sind, erinnern wir uns Schillers Worte. Nietzsche glaubt, dass Liberalismus, Sozialismus und Humanismus alle eine säkulare Übersetzung von christlichem Gesetz sind, alle Menschen wären gleich. Nietzsche glaubt nicht, dass wir unsere Triebe überwinden, nein, sie entscheiden was mit uns passiert. Hinter den Motiven, die uns hervortreiben, steht kein autonomes Subjekt. Wenn der Mensch handelt, übernimmt eine dieser Motive die Regie. Das Bewusstsein ist eine Vielfalt von personenartigen Kräften, wir können das nur in geringem Maße lenken.

Aber auch für Nietzsche gilt, dass der Mensch seine volle schöpferische Größe in einer bestimmten Form des Spiels erreicht: in der Musik. Wenn Schiller spricht über den Stoff- und Formtrieb, dann meint Nietzsche Dionysos und Apollon. Der Gott der Ekstase, Dionysos, begegnet Apollon, Gott der Ordnung und Klarheit, in der Musik. Die Musik verführt und schöpft eine höhere Ebene des Bewusstseins und gibt dem Menschen eine Möglichkeit sein Leben innerlich zu erneuern und Freiheit zu erleben.

Mit Kant und Rawls sagen wir, dass Menschen sich vorstellen können wie eine gerechte Gesellschaft aussehen sollte und wir uns als Menschen moralisch benehmen sollten. Mit Hilfe von liberalen und humanistischen Ideen, die Vernunft und Wissenschaft zu ihren grundlegenden Prinzipien machen, schaffen wir gesellschaftliche Strukturen für äußerliche Freiheit. Und sie ist eine notwendige Bedingung für friedliches Zusammenleben aller Menschen.

Die wirkliche innerliche Freiheit erreicht der Mensch nur, wenn er ein spielender Mensch ist. In der Kunst findet der Mensch sein Lebensziel. Oder, wie Schiller es formuliert:

Um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt

 

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